Zwei Wochen im Amt, Fragen an den neuen Präsidenten des Deutschen Ringer- Bundes Jens-Peter Nettekoven

Jens Nettekoven / Foto: Kadir Caliskan

In der Politik hat man nach einer Wahl 100 Tage ‚Welpenschutz‘, der Sport ist da schnelllebiger. Nach dem überaus spannenden Verlauf der Präsidiumswahlen beim Deutschen Ringertag vor zwei Wochen gibt es jetzt schon zahlreiche Fragen, wie es nach der Wahl von Jens-Peter Nettekoven zum neuen Ringerchef bei den deutschen Ringern weitergeht.

Unser Redaktionsmitglied Jörg Richter sprach mit dem neugewählten Präsidenten Jens-Peter Nettekoven.

Die Präsidiumswahlen beim Deutschen Ringertag konnten nicht spannender verlaufen, wie hast du das Voting erlebt ?

Jens-Peter Nettekoven: „Wie alle anderen im Saal auch, mit großer Spannung. Dass es knapp wird, konnte man im Vorfeld ahnen, aber dreimal 34:34, das war schon ein Herzschlagfinale. Aber es war auch vergleichsweise wie ein Marathon, auf den du dich so lange vorbereitet hast, dann willst du auch ins Ziel kommen. Ich wollte DRB-Präsident werden und bin es nun auch geworden“.

Das Losverfahren wurde durch ein Vieraugengespräch verhindert, dass jedoch recht schnell- und mit einem überraschenden Ausgang endete, wie ist deine Reaktion auf den Rückzug von Klaus Johann ?

Jens-Peter Nettekoven: „Wir wollten das Losverfahren mit einer Übereinkunft verhindern, ich hatte ihm angeboten, dass jeder zwei Jahre den Vorsitz hat, wir uns also in die vierjährige Amtszeit hinein teilen. Als Klaus Johann daraufhin sagte, dass er seine Kandidatur zurückzieht, war es für mich wie beim 34:34, ich war überrascht, es war wie im Film“.

Der Haushaltsplan 2022 nicht bestätigt, das alte Präsidium nicht entlastet, übernimmt das neugewählte Präsidium einen Scherbenhaufen ?

Jens-Peter Nettekoven: „Nein, aber es konnten viele Fragen im Vorfeld nicht beantwortet werden, Rechtsstreitigkeiten sind noch im Orbit. Es wurde der Antrag auf Entlastung gestellt, doch die Landesorganisationen wollten dem neuen Präsidium keine Altlasten überstülpen, daher erfolgte die Entlastung des alten Präsidiums nicht. Jetzt müssen wir uns Übersicht verschaffen, der Haushaltsplan 2022 muss neu erstellt werden. Da sind wir jetzt dran, müssen aber auch die Rechtsstreitigkeiten berücksichtigen, daher sollten auch dort Mittel zurückgestellt werden“.

Was sind die vorrangigsten Aufgaben des neuen Präsidiums ?

Jens-Peter Nettekoven: „Im Grunde genommen will ich die ’schönste Sportart der Welt‘ noch schöner machen, die Digitalisierung steht in unserem Fokus, doch die wohl größte Aufgabe ist, die Landesverbände zurück ins Boot zu holen und Transparenz zu schaffen. Dafür werde ich mich dreimal im Jahr mit den LO’s treffen, ich will die Aufgabengebiete wie Nominierungen, Vergabe von Meisterschaften, Finanzen, so transparent wie möglich machen, mir aber auch die Sorgen und Nöte aus den Ländern anhören. Die erste Runde plane ich im Februar 2022, da freue ich mich schon darauf“.

Im Vorfeld der Wahlen warst du in Deutschland unterwegs, hast dich vorgestellt, mit den Funktionären gesprochen, war das ein erster Schritt auf die Landesorganisationen zu ?

Jens-Peter Nettekoven: „Ja, ich war in fast allen Bundesländern unterwegs, bin in den letzten Monaten fast 4000 Kilometer zwischen Brandenburg und Südbaden gefahren, habe über meine Ziele gesprochen, aber auch zugehört. Ich bin mit vielen Informationen zur Jahrestagung gefahren, habe für mein Team gekämpft“.

Der Deutsche Ringer- Bund hat in den vergangenen Jahren vieles vorgegeben, die Landesorganisationen wurden dabei kaum gefragt, deine Mannschaft wurde nun komplett gewählt, jetzt heißt es in allen Referaten vor allem, das in den vergangenen Jahren verlorene Vertrauen neu schaffen ?

Jens-Peter Nettekoven: „Die Vizepräsidenten und Referatsleiter sind dafür gewählt, dass sie ihre Arbeit machen. Ich stehe für Anfragen zur Verfügung, möchte aber schon, dass jeder auf seinem Gebiet eigenständig tätig ist. So zum Beispiel, dass der Vizepräsident Sport mit dem Sportdirektor und den Bundestrainern zusammenarbeitet. Wenn einer alles alleine macht, dann brauche ich kein Präsidium und keinen Vorstand mehr und das ist nicht abbildbar. Wenn das Jugendreferat mit einem Vorschlag zu mir kommt, dann machen wir das so und werden nach einiger Zeit sehen, ob die Idee greift, oder eben nicht. Der Jugendreferent ist derjenige, der alles umsetzen muss, das Präsidium gibt dazu vielleicht noch einige Hinweise. Das zeigt mir, dass wir kompetente Leute in den Referaten haben, die sich Gedanken machen, ein Konzept haben und es auch umsetzen“.

Die Bundesliga läuft gerade noch so, alle anderen Ligen, sowie Pokalwettkämpfe und Einzelmeisterschaften sind coronabedingt abgesagt, ein schwieriger Start deutet sich an ?

Jens-Peter Nettekoven: „Das macht mir große Sorgen, wenn ich mir den Anstieg der Inzidenzen ansehe und man Zuschauer aus den Arenen verbannen muss. Ringen ist Familiensport, da kommen die Eltern, Großeltern, Onkel und Tante zu den Kämpfen in die Ringerhallen und dieses Familiäre macht den Ringkampfsport aus. Wir werden versuchen, die Bundesliga zu Ende zu bekommen und da ist der Vizepräsident für Bundesligaangelegenheiten Manuel Senn auch dran, steht auch mit den Vereinen im Dialog. Im letzten Jahr wurde schon kein Mannschaftsmeister ermittelt, wir hoffen, dass wir am Ende dieser Saison ein Team krönen können“.

Eine Frage zur Person Nettekoven: Landtagsabgeordneter, damit verbunden eine Vielzahl gesellschaftlicher Verpflichtungen, Bundeswehrsoldat und Familienvater – ist das alles mit der Präsidentschaft eines Verbandes unter einen Hut zu bekommen ?

Jens-Peter Nettekoven: „Das geht, wenn man eine Familie hat, die einem für Beruf und Ehrenamt die volle Rückendeckung gibt. Klar muss man auch Opfer bringen, wenn man das eine, oder andere Wochenende mal mit der Familie haben möchte, doch wenn man ein Amt annimmt, muss man es eben auch am Wochenende ausfüllen. Ich habe mit meiner Frau alles besprochen, sie ist meine beste Beraterin. Erfahrungen konnte ich ja auch schon als Präsident des Ringer- Verbandes Nordrhein-Westfalen sammeln, schließlich freut man sich in den Vereinen auch, wenn der Präsident bei den Wettkämpfen und Veranstaltungen erscheint. Es gibt viele Videokonferenzen, Telefonate, die man jetzt führen muss, das alles geht, man muss sich die Zeit eben gut einteilen“.

Die Vorhaben kosten natürlich auch Geld, die Verbände und Vereine sollen möglichst entlastet werden, woher sollen die finanziellen Mittel dann kommen ?

Jens-Peter Nettekoven: „Öffentlichkeitsarbeit, Marketing und Vermarktung ist ein sehr wichtiger Punkt, ich finde das wir mit den drei Medaillen bei den Olympischen Spielen viel für eine positive Außendarstellung des deutschen Sportes insgesamt getan haben, doch wir vermarkten uns hier leider nicht gut genug und wir sollten darüber nachdenken, aktuelle Themen in den sozialen Medien möglichst zeitnah wiederzugeben. Ich bin mir sicher, dass sich hier ein kompetentes Team auf die Beine stellt, das diese Aufgaben übernimmt. Wir haben großartige, sportliche Erfolge zu bieten, doch wenn wir darüber nicht berichten, dann sind wir für unsere Fans und Sponsoren nicht interessant. Doch man kann jetzt schon bemerken, dass hier ein neuer Wind weht“.

Jörg Richter