Junioren-Weltmeisterschaften in Tampere (FIN) – Zusammenfassung

Tampere – Die Weltmeisterschaften der Junioren 2017 sind Geschichte, Tampere war nach den Europameisterschaften der Männer und Frauen 2008, auch diesmal ein hervorragender Gastgeber. Doch nicht nur das ‚Drumherum‘ stimmte im riesigen Messe- Sport und Ausstellungszentrum, sondern vor allem auch die Leistung auf der Matte. Was hier die ‚Generation 2020‘ auf den 4 Ringermatten des deutschen Herstellers Foeldeak zeigte, war durchaus Ringen vom Allerfeinsten.

von Jörg Richter
Stand vor allem der griechisch-römische Stil zuletzt in der Kritik, fehlte vielen Insidern und Fans die Bodenrunde für mehr Aktionen und Wertungen. Auch in Tampere mussten oftmals die Kampfrichter mit Passivitätsverwarnungen über Sieg und Niederlage entscheiden. Aber es wurde auch ein Trend zu mehr offensiver Kampfesweise sichtbar. Belehrten doch die beiden Finalisten der Kategorie bis 74 kg alle Kritiker eines Besseren, Kamal Bey (USA) und Akzhol Makhmudov (KGZ) warfen ihr gesamtes Können in dieses Duell, kein Stillstand, kein Abtasten, ein Kampf, der die vielen anwesenden Fans mit der Zuge schnalzen ließen. Kurz vor der Pause zog sich der Kirgise eine schmerzhafte Rippenverletzung zu, kämpfte mit einigen Unterbrechungen bis zum Ende weiter und hatte dabei selbst Siegchancen. Der US-Boy mit dem besseren Ende für sich, wurde mit 16:11 Punkten neuer Weltmeister. Doch statt ordentlich abzufeiern, half er dem angeschlagenen Kontrahenten auf die Beine und ließ sich gemeinsam mit dem Kirgisen Arm in Arm für diesen grandiosen Fight feiern, was die sachkundigen Finnen, aber auch die anderen Zuschauer aus aller Herren Länder anerkannten.

Die deutschen Griechisch-Römisch-Spezialisten ließen hingegen die Techniken zu oft in der Trickkiste, suchten den Sieg über den Kampf, einzig Karan Mosebach (74 kg/RSV Hansa 90 Frankfurt/O.) packte da ab und an einen Wurf aus. Doch wurde gerade er aus deutscher Sicht zur tragischen Figur des Turnieres, als der Hauptkampfrichter seinen Sturmlauf über die Hoffnungsrunde in Richtung kleines Finale stoppte.
Mosebach führte bereits klar in seinem zweiten Hoffnungsrundenduell gegen den Aserbaidschaner Nasir Hasanov, als der DRB-Weltergewichtler einen Angriff aus der Mattenfläche ins Aus startete und dafür vom Kampfgericht 4 Punkte zugesprochen bekam. Die Ecke des Aserbaidschaners forderte den Videobeweis, wollten dem deutschen Ringer nur zwei Punkte zugestehen. Doch Hauptkampfrichter Mohamed Kamil Bouaziz (TUN) gab zur Verblüffung aller, vier Punkte für Hasanov und kippte damit den gesamten Kampf. Mosebach setzte alles auf eine Karte, doch Nasir Hsanov konterte geschickt zum 13:9-Endstand.
„Ich bin total traurig, war eigentlich auf der Gewinnerstraße“, konnte Karan Mosebach die Wut über das Fehlurteil kaum unterdrücken. Auch Bundestrainer Maik Bullmann stocksauer, fing sich bei seinen Protesten gar eine gelbe Karte ein. „Das waren vier Punkte für den Aserbaidschaner, der gar nichts dafür konnte und selbst die Aserbaidschaner haben die Situation zu unseren Gunsten gesehen“, so der Bundestrainer wütend. Auch DRB-Sportdirektor Jannis Zamanduridis war enttäuscht vom Fehlurteil, dass trotz mehrfacher ‚In Augenscheinnahme‘ des Videos bestehen blieb. „… Karan hat ein stark gerungen, für dieses Ergebnis kann er nichts“.

Karan Mosebach bezwang am Morgen den Moldawier Victor Buzu mit 4:0 Punkten, unterlag danach jedoch den stark aufringenden US-Boy Kamal Bey, der den Sprung ins Finale schaffte und am Abend auch Weltmeister wurde. Damit konnte Karan Mosebach in der Hoffnungsrunde neu ins Kampfgeschehen eingreifen. Im ersten Duell bezwang er Pilkon Bong (KOR) mit 3:1 Punkten und im zweiten Hoffnungsrundenkampf eigentlich auch den Aserbaidschaner Hasanov – wenn da der tunesische Hauptkampfrichter nicht gewesen wäre…

Doch am gleichen Abend dann das herbeigesehnte, erlösende Edelmetall für die deutschen Ringer. So stand zum Auftakt der Griechisch-Römisch-Kämpfe nur Jan Zirn (96 kg/KG Baienfurt) als einziger DRB-Starter im kleinen Finale um Bronze, wo er den Griechen Michail Iosifidis zum Gegner hatte, den er mit 4:2 bezwang. Ein schnell vorgetragener Angriff des DRB-Halbschwergewichtlers entschied das Duell.
Am Vormittag setzte sich Jan Zirn gegen Markus Ragginger (AUT) knapp mit 2:2 Punkten durch, wobei er sich gegen den jungen Österreicher, der im Vorjahr Vizeweltmeister der Kadetten war, etwas schwer tat. Danach unterlag Jan Zirn im Viertelfinale gegen Vladen Kozliuk (UKR). Der Ukrainer kämpfte sich ins Finale und der Deutsche Meister katapultierte sich mit seinem 3:1-Punktsieg in die Hoffnungsrunde gegen Janko Ivetic (SRB) ins kleine Finale. Dort gewann der Württemberger gegen  Michail Iosifidis die umjubelte WM-Bronzemedaille.

Ohne Sieg blieb Andrej Ginc (60 kg/SAV Torgelow), der ein schweres Los gezogen hatte und gleich gegen den späteren Finalisten Keramat Abdevali (IRI) unterlag. In der Hoffnungsrunde kam er mit dem drahtigen Hassan Mohamed (EGY) nicht zurecht, fand kein technisches Mittel und schied nach knapper Niederlage endgültig aus dem Titelrennen aus.

Am letzten Wettkampftag der Junioren-Weltmeisterschaften in Tampere (FIN) lagen die Hoffnungen noch einmal auf den Schultern von Arian Güney (84 kg/KSV Ispringen) und Franz Richter (120 kg/AVG Markneukirchen).
Arian Güney fand gegen den kräftigen Rumänen Nicu Ojog kein Mittel, am Ende entschied der Kampfrichter mit jeweils einer Passivitätsverwarnung an jeden der beiden Athleten das Duell. Da der Rumäne damit die letzte Wertung erhielt, wurde sein Arm zum Zeichen des Siegen vom Unparteiischen gehoben. Ojog kämpfte sich noch bis ins kleine Finale um Bronze, doch das reichte Güney nicht, um noch über die Hoffnungsrunde erneut ins Kampfgeschehen eingreifen zu können.
Mit nur 103 kg gehört Richter zu den Leichtgewichten unter den schweren Jungs. Gegen den Armenier David Ovasapyan, der volle 120 kg auf die Waage brachte, lag Franz Richter nach der ersten Runde mit 0:7 zurück. Doch der Armenier wurde müde und der AVG-Ringer schaffte es noch, auf 4:7 Punkte heran zu kommen. „Hätte er die Aufholjagd etwas eher gestartet…“, ließ Bundestrainer Maik Bullmann den Ausgang des Kampfes dann offen, denn Ovasapyan war stehend KO. Da der Armenier im Viertelfinale unterlag und damit das Finale verfehlte, war für Franz Richter das WM-Turnier beendet.

Freistilringer starteten mit 2 fünften Rängen

Gleich zum Auftakt der Junioren-Weltmeisterschaften von Tampere, ermittelten die Freistilringer ihre Titelgewinner. In dieser Stilart dominierten vor allem die US-Ringer, die allein drei Weltmeistertitel, drei Silber- und eine Bronzemedaille gewannen. Der Luckenwalder Ilja Matuhin (96 kg) machte gleich am ersten Wettkampftag von Tampere ein großes Turnier, bezwang in der Qualifikation den Bulgaren Anton Zlatkov durch technische Überlegenheit vorzeitig. Im Achtelfinale schickte er Nishan Randhava (CAN) mit einer 3:10-Niederlage zurück in dessen Ecke. Erst im Viertelfinale wurde Ilja Matuhin vom Georgier Givi Matcharashvili gestoppt, der das Finale erreichte. Damit kämpfte der Luckenwalder in der Hoffnungsrunde weiter, wo er sich mit einem Sieg über Ishiguro Takashi (JPN) für das kleine Finale um Bronze qualifizierte. Dort wartete mit dem US-Ringer Kollin Moore ein starker Konkurrent, der an diesem Tag nicht zu bezwingen war. Platz 5 damit für Ilja Matuhin, dem Bundestrainer Jürgen Scheibe eine starke Turnierleistung bescheinigte.

Johann Steinforth (74 kg/Roter Stern Sudenburg) verlor seinen Auftaktkampf gegen Veer Gulia (IND) mit 2:6 Punkten und schied aus dem Titelrennen nach dem Achtelfinale aus. Am Mittwoch-Vormittag sorgte Dimitri Blayvas (84 kg/SV Halle) mit seinem Schultersieg über Adrian Grosul (MDA) für Jubel im deutschen Lager. Doch gegen Osman Gocen (TUR) hatte Blayvas nach einem klaren 0:10 das Nachsehen. Gespannt erwartete man auch den Auftritt von Horst Lehr (50 kg/VfK Schifferstadt), nachdem der Schifferstädter vor einem Monat bei den Europameisterschaften in Dortmund Bronze geholt hatte. Nach den Titelkämpfen von Dortmund, die er mit dickem Knie absolvierte, wurde Horst Lehr operiert. „Er war noch nicht zu 100 Prozent fit, dennoch wollten wir es versuchen und fast hätte es ja auch geklappt“, so Jürgen Scheibe, denn gleich in der Qualifikation traf der Schifferstädter auf einen dieser stark aufringenden US-Boys. Gegen Malik Heinselmann unterlag Horst Lehr denkbar knapp mit 4:5 Punkten. Da alle Kontrahenten der DRB-Freistilringer im weiteren Turnierverlauf Niederlagen quittieren mussten und damit das Finale verfehlten, blieb Steinforth, Blayvas und Lehr der Weg über die Hoffnungsrunde verwehrt.

Dagegen ließ Ramzan Awtaev (55 kg/TV Essen-Dellwig) mit seiner Turnierleistung aufhorchen, der im Achtelfinale den Schweizer Nino Leutert mit 10:0 auspunktete. Im Viertelfinale traf Awtaev auf Roman Hutsuliak (UKR) den er in einem spannenden Duell ebenfalls bezwingen konnte und sich damit ins Halbfinale katapultierte. Dort lieferte er Ismail Gadzhyev (RUS) einen großen Kampf, unterlag jedoch mit 3:8 Zählern und stand damit im Kampf um Bronze. Dort traf er auf Arsen Harutyunyan (ARM), gegen den er über die volle Kampfzeit ging, eine hohe Niederlage jedoch nicht verhindern konnte. Platz 5 am Ende für Ramzan Awtaev, dem Bundestrainer Jürgen Scheibe ebenfalls ein gutes Zeugnis ausstellte. Mit zwei 5. Rängen beendeten die DRB-Freistilringer die Kämpfe in Tampere, ein Ergebnis dass für die Zukunft optimistisch stimmt, zudem Horst Lehr, Dimitri Blayvas und Ramzan Awtaev noch ein weiteres Jahr im Juniorenbereich kämpfen können.

Auch die DRB-Ringerinnen blieben in Tampere ohne Medaille, dennoch war Bundestrainer Rainer Kamm nicht unzufrieden, denn seine junge Riege überzeugte vor allem kämpferisch. So Ellen Riesterer (48 kg/SC Isaria Unterföhring), die in der Qualifikation die keineswegs schlecht ringende Argentinierin Evelin Sosa mit 10:0 auspunktete. Nichts für schwache Nerven war das Achtelfinalduell der DRB-Ringerin gegen Yumei Zhong. Nach ständig wechselnder Führung lag die Chinesin kurz vor dem Ende des Kampfes in Führung, als die Kampfrichter das Ziehen am Kopfschutz der deutschen Ringerin mit einer Verwarnung bestraften, die zwei Punkte für die deutsche Ringerin brachte. Damit lag Ellen Riesterer mit 12:11 vorn und es gelang ihr, diesen Punktstand über die restlichen Sekunden zu retten. „Die Verwarnung an die Chinesin kurz vor Kampfende mutet hart an, doch hätten die Kampfrichter auch zweimal auf Schultersieg für Ellen Riesterer votieren können“, sah es DRB-Sportdirektor Jannis Zamanduridis als ausgleichende Gerechtigkeit an. Im Viertelfinale ließ Ellen Riesterer erneut einen Krimi folgen, ihre Kontrahentin Sarra Hamdi (TUN) war physisch stärker und setzte sich letztendlich mit 6:2 Punkten durch.  Da die Ringerin aus Tunesien das Finale verfehlte, konnte Ellen Riesterer auch nicht in der Hoffnungsrunde erneut in die Kämpfe eingreifen.

Mit Debora Lawnitzak (SV Luftfahrt Berlin) trat eine Ringerin aus dem Bundes-Leistungszentrum Frankfurt(O.) auf die Matte. Gegen Ayse Vatansever (TUR) musste die WM-Fünfte des Vorjahres allerdings eine 1:6-Niederlage quittieren und schied aus, da die Türkin das Finale verfehlte. Auch Ayse Vatansever ist kein unbeschriebenes Blatt, die Kontrahentin von Debora Lawnitzak kämpft seit 2012 bei internationalen Meisterschaften beständig im Medaillenbereich.
Die größten Medaillenhoffnungen ruhten auf den Schultern von Elena Brugger (55 kg/TuS Adelhausen), die im Vorjahr in Macon (FRA) WM-Bronze gewann, 2016 Europameisterin wurde und auch vor einem Monat in Dortmund erneut EM-Bronze bei den Juniorinnen gewann. Das Los bescherte der DRB-Ringerin die frischgebackene Vize-Europameisterin Viktoria Vaulina (RUS), die schon 2015 bei den Kadettinnen WM-Gold gewinnen konnte. Elena Brugger verlor das Duell gegen die russische Ringerin und schied damit aus dem Titelrennen aus.
Auch Annika Wendle (51 kg/ASV Altenheim) bestritt nur einen Kampf, den sie gegen Nao Taniyama (JPN) mit 0:10 Punkten verlor. Die EM-Fünfte Theresa Edfelder (SC Anger) startete im Limit bis 67 kg und feierte im Achtelfinale einen 6:3-Punktsieg über Devi Pooja (IND). Im Viertelfinale unterlag die DRB-Ringerin gegen Meerim Zhumanazarova (KGZ) mit 0:10 Punkten, damit schied Theresa Edfelder aus dem weiteren Turnierverlauf aus, da die Ringerin aus Kirgisien das Finale nicht erreichte. Wie schon bei der Heim-Europameisterschaft, so reiste Bundestrainer Rainer Kamm mit seiner ‚jungen Damenriege‘ durchaus zufrieden nach Hause, sieht der erfahrene Coach durchaus Potential in seiner Mannschaft.

Die kommenden Höhepunkte sind die Weltmeisterschaften der Männer und Frauen in Paris (FRA) vom 21.-27. August, die Kadetten treten danach bei ihren Weltmeisterschaften vom 4.-9. September in Athen (GRE) auf die Matte, während die U-23 die internationale Meisterschaftsrunde des Jahres 2017 mit den erstmalig auszutragenden Weltmeisterschaften in dieser Altersklasse vom 21.-26.11. im polnischen Bydgozsz beenden.