Erfreuliche Entwicklungen

Deutsche Meisterschaften Männer Freistil und Frauen vom 22. bis zum 24. Juni in Aschaffenburg

Von Claudia Pauli

Eine perfekte Organisation von Ausrichter RWG Mömbris/Königshofen, großer Jubel um eine Lokalmatadorin und hoffnungsvolle Auftritte des Nachwuchses: Die Deutschen Meisterschaften 2018 der Männer im freien Stil und der Frauen in Aschaffenburg (22. bis 24. Juni) boten bei hervorragenden Rahmenbedingungen nicht allein in sportlicher Hinsicht etliche Höhepunkte, sondern auch emotional.

Insbesondere der Schultersieg von Anna Schell (RLZ Aschaffenburg) über die Olympiateilnehmerin von Rio 2016 und Top-Favoritin auf den Gewinn der Goldmedaille im 68-kg-Limit, Maria Selmaier (KSC Motor Jena), im Finalkampf sorgte bei den Zuschauern in der f.a.n. frankenstolz arena für Begeisterung. Erst Ende April war Anna Schell – nach einer mehrmonatigen Zwangspause aufgrund eines Kreuzbandrisses – ins Wettkampfgeschehen zurückgekehrt, die Deutschen Meisterschaften vor „ihrer Haustüre“ waren ihr erstes großes Turnier nach der schweren Verletzung. „Das war ein perfektes Comeback! Dass sie das – auch vom Kopf her – geschafft hat, ist bemerkenswert. Vor eigenem Publikum war der Druck besonders groß. Sie hat den Titel mehr als verdient – sie ist eine der fleißigsten Athletinnen“, sagte Patrick Loës.

Aus Sicht des Bundestrainers Frauen im Deutschen Ringer-Bund (DRB) waren die Finalkämpfe insgesamt „richtig interessant und auf hohem Niveau“. „Wir haben teilweise gesehen, dass sich die jungen Athletinnen schon an die etablierten Frauen herangekämpft haben – oder dass sie sie sogar geschlagen haben. Es gab durchaus einige Überraschungen in den Finals“, so Patrick Loës. Er blickte daher bereits optimistisch in die Zukunft: „Wir haben eine gute Truppe, wenn man in Richtung Olympia 2020 und 2024 denkt. Das macht Hoffnung!“

Nicht unbedingt so, wie es von vielen erwartet worden war, verlief etwa der Finalkampf in der Gewichtsklasse bis 57 kg, den Sandra Paruszewski (AV Germ Sulgen) gegen Laura Mertens (AC Ückerath) für sich entschied. „Das war bei Weitem der beste Kampf, den ich bisher von Sandra gesehen habe. Mit ihren Mitteln hat sie darin alles rausgeholt. Sie hat einen großen Leistungssprung gemacht“, lobte Patrick Loës die neue Deutsche Meisterin.

Einen engen Kampf erlebten die Zuschauer auch im 53-kg-Limit, der – wie der Finalkampf in der Gewichtsklasse bis 50 kg – ein „Generationenkampf“ war. Bis zum Schluss war sowohl für die Titelverteidigerin, Nina Hemmer (AC Ückerath), als auch für die junge Herausforderin Annika Wendle (ASV Altenheim) der Sieg möglich. Letztlich setzte sich die erfahrene Olympiateilnehmerin von Rio 2016, Nina Hemmer, mit 6:2 Punkten durch und holte damit ihren insgesamt vierten DM-Titel. „Beide haben gut gerungen. Annika schiebt von unten. In dieser Gewichtsklasse ist die Konstellation sehr positiv: Hier gibt es Konkurrenz, die sich gegenseitig pusht. Mehrere Athletinnen können sich hier international etablieren“, meinte Frauen-Bundestrainer Patrick Loës.

Im 50-kg-Limit schulterte Jaqueline Schellin (TV Mühlacker) im Finalkampf ihre erst 19 Jahre alte Gegnerin Lisa Ersel (SV Luftfahrt Ringen), die ebenfalls eine starke Leistung bot und den Kampf bis zu diesem Zeitpunkt offen gestaltet hatte.

Überlegen hingegen agierte Luisa Niemesch (SV Weingarten) in der Gewichtsklasse bis 62 kg. Die 22-Jährige, die ebenfalls bei den Olympischen Spielen in Brasilien zum deutschen Team zählte, kürte sich verdient zur Deutschen Meisterin. Nach ihrer Operation am Ellbogen präsentierte sie sich – nicht zuletzt mental – in hervorragender Verfassung und dominierte in ihrer Gewichtsklasse das Geschehen. 2017 hatte Luisa Niemesch im 58-kg-Limit triumphiert.

Foto: Iris Bauer

Foto: Iris Bauer

Aline Focken hat geheiratet

Ganz souverän erkämpfte sich auch Aline Rotter-Focken (KSV Krefeld) den DM-Sieg, die in der Gewichtsklasse bis 76 kg ihrer Favoritenrolle im Nordischen Turnier (fünf Teilnehmerinnen) absolut gerecht wurde. Der Leistungsunterschied zu ihren Kontrahentinnen war teilweise extrem groß. „Aline gehört zur erweiterten Weltspitze. Ihre neue Herausforderung wird sein, den Schritt von 69 zu 76 kg zu machen“, erläuterte Patrick Loës.

Als der erste DM-Kampf 2018 der 27-Jährigen aufgerufen wurde, stutzte ein Großteil der Zuschauer in der f.a.n. frankenstolz arena: Der Doppelname „Rotter-Focken“ war ihnen unbekannt. Am 28. Mai heiratete die Olympiateilnehmerin von 2016 und amtierende Vizeweltmeisterin (jeweils im 69-kg-Limit) ihren langjährigen Lebensgefährten Jan Rotter, ebenfalls Mitglied der deutschen Nationalmannschaft im Ringen. Die Trauung fand im baden-württembergischen Trieberg statt, wo ihr Ehemann herkommt und wo sie seit dem vergangenen Sommer mit ihm lebt. Am 2. Juni folgte eine große Feier bei Aline Rotter-Fockens Familie in Krefeld (Nordrhein-Westfalen) – mit einer freien Trauung und vielen Gästen, gerade auch aus dem Ringen. „Wir hätten gerne noch mehr Leute eingeladen … Die Feier war richtig toll“, blickte die Weltmeisterin von 2014 strahlend zurück.

„Ich dachte mir, wenn ich meinen Namen komplett ablege, erkennt mich niemand mehr. Ich wollte aber trotzdem, dass wir beide denselben Namen haben. Daher habe ich mich für den Doppelnamen entschieden. Es ist noch ein bisschen ungewohnt …“, so Aline Rotter-Focken.

Seit ihrem Wohnortwechsel vor rund einem Jahr trainiert die Weltklasseathletin nicht mehr am Bundesstützpunkt in Dormagen, sondern an jenem in Freiburg. Sie sei aber regelmäßig zuhause, um den Kontakt zum Stützpunkt in Dormagen, zu den Trainern etc. zu halten, sagte Aline Rotter-Focken, die auch nach dem Umzug weiterhin für ihren Heimatverein KSV Krefeld bei Wettkämpfen antritt. Beruflich hingegen veränderte sich die 27-Jährige: Seit Januar 2018 fungiert sie als Gesundheitsmanagerin bei einem großen Unternehmen, bei dem auch ihr Mann arbeitet. Das Unternehmen sei sehr spitzensportaffin und fördere viele Sportler, erzählte Aline Rotter-Focken. „Sie haben für mich eine kleine Stelle ‚gezaubert‘“, meinte die Spitzenringerin, die in Aschaffenburg ihren insgesamt neunten DM-Titel holte, lachend.

Brandenburg und Hessen in der Länderwertung vorne

In der Länderwertung belegte bei den Frauen das Team aus Brandenburg Rang eins. Platz zwei ging an Nordbaden, Dritter wurde Berlin. Bei den Männern setzte sich die gastgebende Landesorganisation Hessen gegen die Konkurrenz aus Südbaden durch. Auf Rang drei kam das Team aus Bayern.

Der Nachwuchs rückt nach

Auch im männlichen Bereich zeigte sich in Aschaffenburg, dass die jungen Sportler im Erwachsenenbereich Fuß fassen. So holte im 57-kg-Limit Horst Lehr (VfK 07 Schifferstadt) den DM-Titel, der sogar 2019 noch bei den Junioren antreten darf. „Er ist trotzdem schon einer, der bei internationalen Trainingslehrgängen im Erwachsenenbereich dabei ist“, erläuterte Jürgen Scheibe.

Ein Lob stellte der Bundestrainer Freistil im DRB auch jenen Nachwuchsassen aus, die bei der U23-EM Anfang Juni in Istanbul/Türkei am Start waren, dort teils Medaillen gewannen und sich nun auch bei der DM überaus ansprechend präsentierten. „Es ist gar nicht so einfach, sich nach einer EM für die Deutschen Meisterschaften zu motivieren“, weiß Jürgen Scheibe. So holte beispielsweise Erik Thiele (KAV Mansfelder Land), der sich in Istanbul über Bronze freuen durfte, in Aschaffenburg souverän den Titel in der Gewichtsklasse bis 97 kg. Im 65-kg-Limit war bei den nationalen Meisterschaften Niklas Dorn (KSC Hösbach) erfolgreich, der bei der U23-EM – ebenfalls guter – Fünfter wurde. Dabei ging bei der DM eigentlich eher der spätere Zweitplatzierte Kevin Henkel (TSV Dewangen) als Favorit in den Finalkampf. 2017 hatte Niklas Dorn noch das DM-Finale verloren – gegen Alexander Semisorow (RV Rümmingen), der diesmal eine Gewichtsklasse höher (70 kg) antrat. Er lieferte sich ein umkämpftes Finalduell mit Tim Stadelmann (SV Johannis Nürnberg), das er letztlich aber mit 7:4 Punkten für sich entscheiden konnte.

In der Gewichtsklasse bis 61 kg stand bereits vor dem Finalkampf fest, dass der Titel ins Saarland gehen würde: Hier trafen Valentin Seimetz (KSV Köllerbach) und Nico Zarcone (KV Riegelsberg) aufeinander. Valentin Seimetz gelang in der letzten Kampfminute die Wende, sodass er nach sechs Minuten mit 7:3 Punkten die Oberhand gegenüber dem eigentlich favorisierten Nico Zarcone behielt. 2017 hatte Letzterer DM-Bronze gewonnen, Valentin Seimetz wurde seinerzeit Fünfter, nachdem er Nico Zarcone im kleinen Finale unterlag.

Im 92-kg-Limit bot William Harth (ASV Mainz) beim 3:0 im Finalkampf über Michael Kaufmehl (TuS Adelhausen) einen souveränen Auftritt und freute sich damit – nach Platz zwei im Vorjahr in der Gewichtsklasse bis 97 kg – über den DM-Titel. Im 86-kg-Limit erlebten die Zuschauer in der f.a.n. frankenstolz arena einen Kampf mit mehreren Führungswechseln, den in der letzten Kampfminute Lars Schäfle (SV Freiburg-Haslach) gegenüber Ergün Aydin (SV Hallbergmoos) dominierte, sodass er sich letztlich verdient den Turniersieg sicherte. „Lars Schäfle ist ein weiterer junger Athlet, der hier Deutscher Meister wurde – wenngleich in Abwesenheit des verletzten Favoriten Achmed Dudarov“, sagte Jürgen Scheibe. In der Gewichtsklasse bis 79 kg ist der alte Deutsche Meister auch der neue: Benjamin Sezgin (KSV Aalen) beendete den Finalkampf gegen Lucas Diehl (ASV Schaafheim) vorzeitig aufgrund von Technischer Überlegenheit. Im 74-kg-Limit setzte sich Kubilay Cakici von DM-Ausrichter RWG Mömbris/Königshofen gegen die gesamte Konkurrenz durch. Er stand 2018 zum dritten Mal in Folge in einem DM-Finale: 2017 hatte er hinter Martin Obst (1. Luckenwalde SC), der diesmal im 79-kg-Limit Dritter wurde, Platz zwei belegt. 2016 war er in der Gewichtsklasse bis 70 kg Deutscher Meister geworden. Im 125-kg-Limit avancierte Nick Matuhin (1. Luckenwalde SC) im Finalkampf gegen Felix Krafft (TuS Adelhausen) zum technisch überlegenen Sieger.

„Man sieht zweifelsohne eine positive Entwicklung! Bei den Frauen drücken zahlreiche junge Sportlerinnen von unten und schieben sich in die Medaillenränge vor. Ähnliches ist im Freistil zu beobachten: Die Routiniers rufen stabile Leistungen ab, aber die Jungen rücken nach. Das ist gerade im Hinblick auf die Zukunft erfreulich“, zog DRB-Sportdirektor Jannis Zamanduridis ein Fazit. Er ergänzte: „Die Trainer machen einen guten Job. Sie stimmen sich untereinander sehr gut ab, arbeiten sehr gut zusammen.“

Die Deutschen Meisterinnen 2018:
50 kg (8 Teilnehmer): 1. Jaqueline Schellin (TV Mühlacker/NBD)
53 kg (7 Teilnehmer): 1. Nina Hemmer (AC Ückerath/NRW)
57 kg (6 Teilnehmer): 1. Sandra Paruszewski (AV Germ Sulgen/WTB)
62 kg (10 Teilnehmer): 1. Luisa Niemesch (SV Weingarten/NBD)
68 kg (7 Teilnehmer): 1. Anna Schell (RLZ Aschaffenburg/HES)
76 kg (5 Teilnehmer): 1. Aline Rotter-Focken (KSV Krefeld/NRW).

Die Deutschen Meister im Freistil 2018:
57 kg (7 Teilnehmer): 1. Horst Lehr (VfK 07 Schifferstadt/PFZ)
61 kg (15 Teilnehmer): 1. Valentin Seimetz (KSV Köllerbach/SRL)
65 kg (8 Teilnehmer): 1. Niklas Dorn (KSC Hösbach/HES)
70 kg (16 Teilnehmer): 1. Alexander Semisorow (RV Rümmingen 03/SBD)
74 kg (9 Teilnehmer): 1. Kubilay Cakici (RWG Mömbris/Königshofen/HES)
79 kg (17 Teilnehmer): 1. Benjamin Sezgin (KSV Aalen 05/WTB)
86 kg (9 Teilnehmer): 1. Lars Schäfle (SV Freiburg-Haslach/SBD)
92 kg (9 Teilnehmer): 1. William Harth (ASV Mainz 88/RHH)
97 kg (6 Teilnehmer): 1. Erik Thiele (KAV Mansfelder Land/SAH)
125 kg (7 Teilnehmer): 1. Nick Matuhin (1. Luckenwalde SC/BRB).

Alle Ergebnisse finden sich im Internet unter http://www.liga-db.de/Turniere/DM/2018/DE/180622_Aschaffenburg/indexGER.htm.