Förderprogramm „Aufholen nach Corona“ – die Israel-Reise

Strandpromenaden, volle Märkte, sandfarbene Häuser – von außen sieht Israel nach einem entspannten Urlaubsziel aus. Abseits dieser typischen Touri-Ziele hatten Ringer:innen aus allen Stilarten acht Tage Zeit, geballtes Insiderwissen über den jüdischen Staat zu erfahren und zu sehen, was Religion mit Menschen machen kann. 

[Text: Olivia Andrich, 23.11.2022]

Das israelische Leben wird stetig durch einen geschichtsträchtigen Konflikt zwischen Jüd:innen und Palästinenser:innen begleitet, dessen Spuren wir im Rahmen einer Bildungsreise folgten. Unsere Gruppe, bestehend aus 19 Ringer:innen und 5 Begleitpersonen, hatte diesen November die Möglichkeit, durch exklusive Gespräche und geführte Touren das Alltagsleben kennenzulernen.

Da Israel ein sehr komplexes Land ist und es viele verschiedene Bevölkerungsgruppen gibt, haben wir mehrere Städte besucht. So konnten wir unterschiedliche Eindrücke sammeln und Differenzen über das ganze Land feststellen.

Unsere erste Nacht verbrachten wir in der Hauptstadt Jerusalem, in der sowohl Palästinenser:innen als auch Israelis wohnen. Selbst als Tourist:innen ist uns die angespannte Stimmung aufgefallen; das Warten eines eskalierenden Konfliktes hinter jeder Ecke. Wir haben junge Menschen mit Waffen gesehen, die überall auf den Straßen patrouillierten, bereit, einen Aufstand gewaltvoll zu beenden.

In unserer Gruppe hat die stetige Präsenz von Waffen unterschiedliche Emotionen hervorgerufen. Die einen haben sich sicherer und geschützter gefühlt, bei den anderen hat es ein Unbehagen erzeugt und wurde eher als Bedrohung wahrgenommen.

Trotzdem konnten wir uns auf die Erkenntnis einigen, dass es traurig und schockierend ist, dass eine solche Kontrolle anscheinend notwendig ist.

In einer geführten Stadttour durch die Altstadt wurde uns gezeigt, wie nah die Menschen trotz unterschiedlicher Religionen zusammenleben – Jerusalem ist eine der vier Städte auf der Welt, in der das Juden- und Christentum sowie der Islam Tür an Tür leben. In der Altstadt leben vorwiegend Muslime, durch deren Straßen wir uns schlängelten, vorbei an Süßigkeiten- und Klamottenständen. Hier fiel schon direkt der erste Unterschied zu unserer Kultur auf: Auf den überfüllten Märkten wird weniger auf Hygienevorschriften geachtet, die Fische liegen offen zum Verkauf und die riesigen Gewürzschalen haben keinerlei Schutz vor dem alltäglichen Straßenstaub.

Nichtsdestotrotz haben wir in Israel sehr leckeres Essen kennengelernt und wurden kulinarisch in eine Welt mit Falafel (Kichererbsenbällchen) und Schawarma (Fleisch) geführt.

Hummus (Kichererbsenpaste), Pita (Brot) und Gegrilltes wurden uns von den israelischen Ringer:innen gezeigt, die uns anschließend nach dem gemeinsamen Training in Beer-Sheva zum Barbecue einluden.

In Beer-Sheva hatten wir auch die Möglichkeit, den Trainingskomplex mit Krafträumen und Schwimmbad zu nutzen, was bei dem restlichen Aufenthalt in der Stadt Tel-Aviv leider nicht mehr möglich war.

Dort gab es dafür überall Sportparks, die sich an der Strandpromenade aneinanderreihten. Wer zwischen den Städtetouren – die wir alle zu Fuß unternahmen – noch Kraft hatte, konnte sich an Klimmzuggeräten und Ninja-Elementen auspowern. Diejenigen, die lieber regenerieren wollten, hatten dahingegen die perfekten Bedingungen, um am Strand Baden zu gehen und die Volleyballfelder zu nutzen.

Da das Wetter super war und die Sonne durchgehend schien, war es auch im November möglich, eine Runde im Meer zu schwimmen, welches sich nur 5 Minuten entfernt vom Hotel erstreckte. In Israel fällt die Temperatur selbst im Winter nicht unter 10 Grad, wodurch das Sommergefühl für viele der Teilnehmenden ein Highlight der Reise darstellte.

Ein weiteres Highlight war das Gespräch mit Motti, einem Juden aus dem Stadtviertel Yaffo, der in Tel Aviv dafür kämpft, dass ein Zusammenleben von arabischen und jüdischen Einwohner:innen gewaltfrei funktioniert.

Motti plädiert für eine Integration durch Akzeptanz und nicht durch Angleichung…das bedeutet “Leben und leben lassen”, ohne den anderen von der eigenen Lebensweise überzeugen zu wollen.

Es geht darum, zu erreichen, dass die Nachbarschaft gut vernetzt ist und sich weiterhin unterstützt, auch wenn in anderen Teilen des Landes die dazugehörigen Familien sich gegenseitig umbringen.

Bei dem Gespräch wird uns besonders bewusst, dass es ein sehr komplexer Konflikt ist, da er durch verschiedene Familienrelationen, mehrere Religionen und unterschiedliche politische Überzeugungen geprägt ist, bei dem die Menschen ständig zwischen irgendwelchen Stühlen stehen.

Motti erzählt beispielsweise von seinem jüdischen Sohn, der einerseits dem israelischen Militär mindestens drei Jahre dienen muss und dort darauf gedrillt wird, gegen Palästinenser:innen einzustehen, woraufhin er aber andererseits zu Hause arabische Freund:innen hat, denen er wohlgesonnen ist. Motti und seine Frau sind jene Menschen, die dem Konflikt nicht aus dem Weg gehen, sondern selbst anpacken wollen; wir sind aber auch anderen begegnet, die sich nicht so stark dafür interessieren…solange sie nicht direkt betroffen sind.

Am letzten Abend hatten wir beispielsweise die Möglichkeit in die ultra-orthodoxe (streng gläubige) Stadt Bnei Brak zu fahren und uns mit Frau Manor Tavashi zu unterhalten, die uns vom Alltagsleben unter ausschließlich Jüd:innen erzählte. Hier wurden die größten Unterschiede zu unserem Leben in Deutschland deutlich, vorwiegend in den Lebensbereichen Beziehung und Familie. Die ultra-orthodoxen Familien stellen nämlich das “Projekt Kinder“ ins Zentrum ihres Seins und haben teilweise 22 Kinder, denen sie ein simples Leben vermitteln wollen.

Die Kinder wachsen ohne technische Geräte auf, teilen sich mit ihren Geschwistern ein kleines Zimmer und üben Hobbies nur so weit aus, dass es keine Extra-Kosten beanspruchen würde – Leistungssport könnte dort niemand verfolgen.

Ein Aufwachsen ohne Handy hat bestimmt positive Vorteile, die uns selbst auf der Reise bewusst geworden sind:

Aufgrund des anderen Telefonnetzes hatten wir meist kein Internet und das Handy wurde nur noch als Kamera für Fotos verwendet, wodurch wir uns innerhalb der Gruppe noch besser kennenlernen und die Erfahrungen bewusster verarbeiten konnten.

Nach den Gesprächen wird uns aber auch bewusst, dass vieles des Gesagten wahrscheinlich mehr Schein als Sein war, da es mehrere Widersprüche gab.

Beispielsweise fahren die Strenggläubigen anscheinend nicht in den Urlaub, wohingegen wir auch am Flughafen Ultra-Orthodoxen begegnet sind.

Die Behauptung, dass es in einer achtköpfigen Familie auf 80m2 nur Lachen und fröhliche Musik gibt, kann sich auch niemand von uns so richtig vorstellen. Auf dem Rückweg zu unserem letzten gemeinsamen Abendessen fielen wir unter den ultra-orthodoxen Passant:innen stark auf, da diese einen genauen Dresscode haben: die Männer tragen schwarze Hüte oder Kippas, unter denen die sogenannten Schläfenlocken hervorschauen, die Frauen besitzen oft Perücken und zeigen so wenig Haut wie möglich. Auch die kleinen Kinder werden dem Bild angepasst und verfolgen das religiösgeprägte Erscheinungsbild.

Unser emotional ergreifendster Ausflug war die Gedenkstätte „Yad Vashem“, die sich mit der Aufklärung des Holocaust beschäftigt. Dort werden durch Film, Text, Prosa und Kunst die Erfahrungen veranschaulicht, die Jüd:innen aus aller Welt durch das Nazi-Regime durchmachen mussten. Besonders ergreifend war die raumgroße Modellierung einer Vergasungsanlage, anhand dessen eine tragische Familiengeschichte erzählt wurde. Es ist immer wieder erschreckend, von diesen Gräueltaten zu hören und sich vor Augen zu führen, was alles geduldet wurde. Umso wichtiger ist es, sich damit zu beschäftigen und eben jene Gedenkstätten zu besuchen, damit die Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.

Neben allen Unterschieden, die wir über das Land ausmachen konnten, haben wir dennoch Aspekte gefunden, die sich überschneiden.

In den Straßen aller drei Städte ist uns aufgefallen, dass durchgängig Videoüberwachung herrscht. Sobald wir unsere Blicke von den Palmen auf die Häuser streifen ließen, begegnete uns eine neue Kamera.

Eine weitere Gemeinsamkeit des gesamten Landes sind die Lebenshaltungskosten, die uns negativ aufgefallen sind. Nahrungsmittel und Getränke waren sehr teuer und dass für einen Crêpe 24 Shekel (7 €) ausgegeben werden müssen, schien hier normal zu sein.

Abschließend kann gesagt werden, dass dem Großteil der Reisegruppe jedoch die Stadt Tel Aviv am besten gefallen hat, da hier der europäische Einfluss mit einem weltoffenen und touristenfreundlichen Bild die Stadt geprägt hat. Die Menschen waren super offen und hilfsbereit…wenn sie nicht gerade selbst damit beschäftigt waren, sich fit zu halten – die Israelis sind nämlich eine sehr junge und sportliche Gesellschaft.

Am Ende unserer Reise sind die Meinungen über das Land gespalten. Einige von uns werden aufgrund der stetigen Kriegsgefahr nicht nochmal freiwillig nach Israel fahren, bei anderen wurde das Interesse gerade erst geweckt und ein erneuter Besuch könnte gar nicht schnell genug kommen.

Wir alle nehmen auf jeden Fall einen riesigen Koffer voller Eindrücke mit nach Hause und einen Rat unserer Reiseleitung Christina, der uns im Leben bestimmt noch einmal begegnen wird:

Egal, wie komplex ein System und wie verstrickt ein Konflikt ist, sobald man das Problem selbst anpackt und für Lösungen kämpft, wird man Gleichgesinnte finden, die sich gegenseitig unterstützen.

Danken möchten wir auch dem Land Nordrhein-Westfalen und dem Landessportbund NRW, der uns durch das Förderprogramm „Aufholen nach Corona“ die beeindruckenden Erlebnisse erst ermöglicht hat. Dank gilt auch dem Deutschen Ringer-Bund und dem Ringerverband NRW für die Organisation.