INTERVIEW mit Anna Schell

von Claudia Pauli

Foto: Kadir Caliskan

Bereits seit 18 Jahren vom Ringkampfsport fasziniert

Bei den Deutschen Meisterschaften 2018 der Männer im freien Stil und der Frauen in Aschaffenburg (22. bis 24. Juni) gewann Lokalmatadorin Anna Schell (RLZ Aschaffenburg) den Titel in der Gewichtsklasse bis 68 kg, indem sie die Olympiateilnehmerin von Rio 2016 und Top-Favoritin auf den Gewinn der Goldmedaille, Maria Selmaier (KSC Motor Jena), im Finalkampf schulterte.

Damit gelang ihr ein perfektes Comeback nach einer mehrmonatigen Verletzungspause aufgrund eines Kreuzbandrisses. Erst Ende April hatte Anna Schell einen ersten Wettkampftest nach der Zwangspause absolviert. Die nationalen Titelkämpfe waren ihr erstes „großes Turnier“ nach überstandener Verletzung.

Claudia Pauli aus dem Media-Team des Deutschen Ringer-Bundes (DRB) sprach mit der 24-Jährigen über den von vielen Ringkampfsportbegeisterten als „sensationell“ bezeichneten Sieg im DM-Finalkampf sowie über ihre Karriere ganz allgemein.

Claudia Pauli: „Sie trainieren nicht allein in Aschaffenburg und wohnen dort, sondern stammen sogar aus Aschaffenburg?“

Anna Schell: „Ja, ich bin in Aschaffenburg geboren.“

Claudia Pauli: „Gerade vor eigenem Publikum den Titel zu holen, muss ein tolles Gefühl sein. Ist dies Ihr erster Turniersieg bei den Deutschen Meisterschaften der Frauen gewesen?“

Anna Schell: „Nein, mein zweiter. Ich habe 2016 meinen ersten DM-Titel bei den Frauen geholt, damals war Maria aber nicht dabei.“

Claudia Pauli: „Wie ist Ihr Sieg in diesem Jahr zustande gekommen? Blicken Sie doch noch einmal auf die betreffende Szene zurück …“

Anna Schell: „Sie hat einen Angriff gestartet, ich habe gekontert und sie dann geschultert.“

Claudia Pauli: „Wie sind Sie eigentlich zum Ringen gekommen?“

Anna Schell: „Mein Bruder hat früher auch gerungen. Ich bin dann einfach mal zum Training mitgegangen und es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich dabeigeblieben bin.“

Claudia Pauli: „In welchem Verein haben Sie mit dem Ringen begonnen?“

Anna Schell: „Beim KSV Bavaria Waldaschaff.“

Claudia Pauli: „Und wann war das?“

Anna Schell: „Das war im Jahr 2000, also vor 18 Jahren.“

Claudia Pauli: „Da war das Frauenringen ja noch relativ in den Anfängen begriffen … Was fasziniert Sie am Ringen?“

Anna Schell: „Ich mag die Abwechslung, die damit verbunden ist – auch was die Trainingsinhalte betrifft. Wir haben Laufeinheiten, Krafteinheiten und Matteneinheiten. Ich freue mich immer, wenn ich etwas, das ich in den Einheiten davor gemacht habe, umsetzen kann.“

Claudia Pauli: „Haben Sie etwas, das Sie besonders gerne im Training machen, oder eine Technik, die Ihnen besonders liegt?“

Anna Schell: „Der Beinangriff außen ist meine Spezialtechnik, würde ich sagen.“

Claudia Pauli: „Sie trainieren im Ringer-Leistungszentrum Aschaffenburg. Wer sind Ihre Trainer?“

Anna Schell: „Peter Weisenberger und Jens Gündling.“

Claudia Pauli: „Wie sieht bei Ihnen eine ‚typische Trainingswoche aus? Wie viele Trainingseinheiten kommen zusammen?“

Anna Schell: „Ich habe pro Woche zwischen zehn und zwölf Trainingseinheiten, also meistens vormittags und nachmittags Training.“

Claudia Pauli: „Das ist ja ein enormes Pensum! Wie lässt sich der Leistungssport mit Ihrer beruflichen Karriere verbinden?“

Anna Schell: „Das klappt sehr gut, da ich der Sportfördergruppe der Bayerischen Bereitschaftspolizei angehöre. Wir haben jeweils vier Monate Ausbildung in der Phase, wo wenige Wettkämpfe anstehen – also von Oktober bis Januar. Von Februar bis Ende September sind wir für den Sport komplett freigestellt.“

Claudia Pauli: „Was waren aus Ihrer Sicht Ihre bislang größte Erfolge?“

Anna Schell: „Platz zwei bei der Kadetten-EM 2010, Platz zwei bei der U23-EM 2015 und 2016 und Platz drei bei einem Olympia-Qualifikationsturnier 2016.“

Claudia Pauli: „Wohin soll es sportlich noch gehen? Was sind Ihre Ziele? Die Olympischen Spiele …?“

Anna Schell: „Ja, schon die Olympischen Spiele …“

Claudia Pauli: „Wäre das auch schon für Tokio 2020 realistisch oder eher erst für Paris 2024?“

Anna Schell: „Durchaus schon für 2020. Aber ich muss schauen, weil ich nun in einer anderen Gewichtsklasse antrete, in der ich international noch keine Wettkämpfe bestritten habe. Vorher bin ich in der Gewichtsklasse bis 75 kg gestartet.“

Claudia Pauli: „Trainieren Sie eigentlich auch mit Männern? Ich kann mir vorstellen, dass ansonsten nicht genügend Trainingspartner auf Ihrem Niveau zur Verfügung stehen.“

Anna Schell: „Ja, ich trainiere auch mit Männern. Ansonsten wären wir zu wenige.“

Claudia Pauli: „Der Leistungssport nimmt zwangläufig viel Raum ein. Ist Ihr Tag ziemlich ‚durchgetaktet‘ oder bleibt zwischendurch auch noch Zeit für Aktivitäten darüber hinaus?“

Anna Schell: „Mein Tag ist zwar in der Tat ziemlich ‚durchgetaktet‘, aber manchmal habe ich auch nachmittags frei. Dann gehe ich ins Schwimmbad, an den See, treffe mich mit Freunden etc.“

Claudia Pauli: „Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!“