Chronologie: 365 Tage Ärger

Unsägliches Zerren um die Bundesliga schadet dem deutschen Ringkampfsport

Viel zerschlagenes Porzellan und Verunsicherung im Ringkampfsport – eine Chronik der letzten 365 Tage

Von Jörg Richter

 

Vereine brauchen Planungssicherheit – Tagung in Aschaffenburg war Wendepunkt

Leipzig – Der Kampf auf der Ringermatte ist in den letzten Monaten für viele Verantwortliche-, aber auch Anhänger des Kampfsportes zur Nebensache geworden, vielmehr ging es neben dem weichen Untergrund von Foeldeak & Co zwischen dem Deutschen Ringer- Bund und der neu gegründeten Deutschen Ringerliga heiß her. Und das auch nicht am Verhandlungstisch, sondern über die Medien, was zudem zu meist einseitiger Berichterstattung führte und die Verantwortlichen in den Vereinen zusätzlich verwirrte.  Nach genau einem Jahr, dass mit gegenseitigen Vorwürfen und Schuldzuweisungen angefüllt war, schlugen die Vereine und Vertreter der Landesorganisationen bei der Tagung in Aschaffenburg auf den Tisch und schufen zumindest für die 21 Vereine, die zur DRB-Bundesliga gemeldet hatten, Planungssicherheit. Ab dem 2. September 2017 werden drei Staffeln zu je 7 Mannschaften die Hauptrunde um den neuen deutschen Mannschaftsmeister 2017/2018 beginnen.
Nicht dabei sind dann die vier Halbfinalisten der nun vergangenen Saison, wobei der KSV Aalen 05  in der Verbandsliga einen Neubeginn wagt und auch der KSV Ispringen vor einer ungewissen Zukunft steht.  Verbleiben der ASV Nendingen, VfK Schifferstadt und der neue Titelträger SV Germania Weingarten, die am Projekt Deutsche Ringer- Liga festhalten.

Genau ein Jahr ist es jetzt her, dass Vertreter einiger Erstbundesligisten auf den Vorstand des Deutschen Ringer- Bundes zukamen und Pläne unterbreiteten, die Bundesliga auszugliedern und selbst zu organisieren. „Wir haben als Grundlage für ein solches Unterfangen ein Konzept eingefordert und bis zum heutigen Tag nicht erhalten“, so DRB-Präsident Manfred Werner. „Auch bei den Sitzungen des von den Bundesligisten geforderten- und von uns neu belebten Bundesliga-Ausschusses kamen Informationen nur tröpfchenweise und eher beiläufig rüber“, so Manfred Werner weiter. „Es gab Telefonate, aber konkret wurden die Pläne der Vertreter, die inzwischen die Deutsche Ringer- Liga gründeten nicht, ein Konzept auf dessen Grundlage man diskutieren kann, wurde nie eingereicht“, so Dr. Daniel Woznik, Vizepräsident für Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Ringer- Bund.

Inzwischen klopfte die DRL auch beim Ringer-Weltverband UWW an, bekam jedoch eine Absage, denn bei der United World Wrestling sah man einzig den DRB in der Verantwortung für das Ligensystem in Deutschland.
Einen Wendepunkt erhoffte sich der Vorstand des Deutschen Ringer- Bundes bei der Tagung der Erstbundesligisten, am Rand des Grand Prix in Dortmund. „Doch auch da blieben die Präsentationen für eine neue ‘Deutsche Ringer- Liga’ aus, Fragen nach Richtlinien, Ordnungen und Bestimmungen blieben unbeantwortet“, so auch DRB-Vizepräsident für Sportangelegenheiten Günter Maienschein enttäuscht.

Statt dessen luden die Vertreter der Deutschen Ringer- Liga die Vereine zu eigenen Informationsveranstaltungen ein, die dann medientechnisch gut verpackt wurden. „Wir waren mit vielen anderen Vertretern von Erst- und Zweitbundesligisten in Bad Staffelstein, es waren gute Ideen, jedoch kein Grund, sich dort gleich der DRL anzuschließen“, betrachtete nicht nur Jens Berndt als Vorsitzender des AV Germania Markneukirchen das Geschehen mit gemischten Gefühlen.

Doch nicht genug der Zusammenkünfte und Diskussionen, am 30. Juli trafen sich alle  Zweitbundesligisten in Bad Mergentheim, um über die Situation zu debattieren und einen Weg aus der Krise zu finden. Sorgen bereitete vor allem der Rückgang der Mannschaften aus der 1. Bundesliga durch Abstieg und Rückzug, von einstmals über 20 Teams waren nur noch 8 Mannschaften im Oberhaus verblieben. DRB-Vizepräsident für Bundesligaangelegenheiten Ralf Diener stellte eine Variante mit vier Staffeln vor, die nach regionalen Gegebenheiten aufgestellt werden sollten und nach einer Hauptrunde in Play-Offs den neuen Titelträger auskämpfen sollten. Diese Struktur traf auf Zustimmung der anwesenden Vereine, wobei auch die 8 Erstbundesligisten eingegliedert werden sollten. „Die Bundesliga ist eine tragende Säule unseres Verbandes, diese muss erhalten werden und die können wir auch nicht einer Deutschen Ringer- Liga überlassen, deren Struktur, Ordnung und Verantwortlichkeiten wir nicht kennen“, unterstrich Günter Maienschein die Bemühungen seiner Vorstandskollegen, wieder eine starke-, aber auch ausgeglichene, höchste Leistungsklasse herzustellen. Verbunden war dies auch mit Änderungen in der Wettkampfordnung, Rechts- und Strafordnung, die später mehrere Teams aus derr 2. Bundesliga daran hinderten, für die DRB-Bundesliga als neues Oberhaus zu melden.

Dagegen lief der Kampf am Mattenrand über die Medien, was einige Zweitbundesligisten zudem verunsicherte. Auch ein direktes Gespräch des DRB-Vorstandes mit den Zweitbundesligisten der einstigen Nordstaffel konnte die Zweifel nicht zerstreuen, nur der FC Erzgebirge Aue, die WKG Pausa/Plauen und die Nordlichter vom RV Lübtheen schlossen sich der DRB-Bundesliga an, die anderen Teams zogen sich, wie auch einige andere Vereine aus dem gesamten Bundesgebiet in die Landesklassen zurück.

Aschaffenburg wurde Wendepunkt

Eine Woche nach der Tagung mit den Vereinen der Nordstaffel im westsächsischen Werdau dann die Zusammenkunft des DRB-Vorstandes, mit den Vertretern der Landesorganisationen und den 21 Vereinen, die für die neue DRB-Bundesliga gemeldet hatten, in Aschaffenburg. Im gegenseitigen Einvernehmen wurden drei Staffeln zu je 7 Teams gebildet, die ab 2.9. in die neue Saison starten werden. Doch es gab auch Vereinbarungen, künftig mehr zusammen zu rücken, so gibt es im Bundesligaausschuss ab sofort eine 2/3-Mehrheit, DRB-Vize Günter Maienschein versprach zudem einen ‘gläsernen’ Vorstand, Arbeitsgruppen wurden gebildet.
Nicht nur die LO-Vertreter und die anwesenden Vereine waren zufrieden, auch auf die einstigen Zweitbundesligisten, die nicht für die neue DRB-Bundesliga gemeldet hatten, machten die Aussagen Eindruck. „Wäre das eine Woche eher, bei der Zusammenkunft in Werdau schon so signalisiert worden, hätten wir wohl gemeldet“, so der Vorsitzende des AVG Markneukirchen Jens Berndt, der damit wohl auch den Vertretern der anderen ehemaligen Zweitligavereinen, die nicht für die DRB-Bundesliga gemeldet hatten, aus dem Munde sprach.

Dagegen hofften die Vertreter der Deutschen Ringer- Liga, die am 28. Januar in Leipzig tagten, auf Zulauf von jenen Mannschaften, doch das Interesse an der Info-Veranstaltung blieb gering, nur zwei Vereine folgten der Einladung – von einer Zusage, sich der DRL anzuschließen waren auch diese Vertreter weit entfernt. „Pläne, bei der DRL zu ringen gab es nie“, bestätigte Jens Berndt, der auch von keiner, der anderen Mannschaften anderslautende Meinungen hörte. Die Aussage, dass es gute Gespräche gab, wurden von Berndt dementiert. „Wir waren, wie die meisten der betroffenen Vereine gar nicht dort“.

Umso mehr, da am 31. Januar die Vertreter der vier Landesorganisationen Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg tagten, die beschlossen, jene Teams aus dem regionalen Einzugsbereich, die nicht für die DRB-Bundesliga gemeldet hatten, in ihr Ligensystem einzuordnen.
„Wir waren gesprächsbereit, doch haben wir bis heute keine Grundlage, auf der diskutiert werden könnte“, so Günter Maienschein, der mit seinen Vorstandskollegen einzig jene Termine ablehnte, zu denen DRL-Vertreter unmittelbar vor dem Weihnachtsfest kurzfristig eingeladen hatten.

„Es ist viel Porzellan zerschlagen worden, der Imageschaden ist immens“, bedauerte Manfred Werner dass man für die neue Struktur der DRB-Bundesliga notgedrungen die 2. Bundesliga opfern musste, die man im Frühjahr noch als ‘unantastbar’ ansah. „Die Strukturänderung hin zur DRB-Bundesliga geschah im Einvernehmen mit den Zweitligateams“, begründet Daniel Wozniak den Schritt.
„Auf der anderen Seite wirkt sich das Geschehen nun auch auf die DRL negativ aus, denn von den einst 6 Teams verblieben nunmehr nur noch der SV Germania Weingarten, VfK Schifferstadt und der KSV Ispringen, die allerdings auch auszubluten drohen, denn auf Grund der Planungsunsicherheit suchen sich die Ringer neue Vereine“, verweist auch Günter Maienschein auf den Umstand, dass aus den Streitigkeiten um eine neue Bundesligastruktur am Ende wohl kein Gewinner hervor geht. Verloren hat hier der deutsche Ringkampfsport, der noch 2013 gemeinsam mit vielen Verbänden rund um den Erdball erfolgreich um den Erhalt seiner Sportart auf der olympischen Bühne kämpfte.

Und obwohl der Deutsche Ringkampfsport bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio überaus erfolgreich hervor ging, durch Denis Kudla eine Bronzemedaille erzielte und mit Aline Focken, Eduard Popp und Frank Stäbler weitere drei Athleten von insgesamt 7 Startern unter den Top Ten hatte, muss das Ziel des DRB nunmehr heißen: verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen und damit alle deutschen Ringer wieder unter dem Dach des DRB zu vereinen.


Kommentar zum Artikel: von Jörg Richter

Am Rand der Junioren-Weltmeisterschaften in Macon (FRA) fragen mich doch amerikanische Journalisten, wann die Bundesliga beginnt und ob man da einen Live-Stream zu sehen bekommt. Das Interesse in den USA an der deutschen Bundesliga ist groß. Auch andere führende Ringernationen wie die Russen, Türken, Aserbaidschaner interessieren sich für das Geschehen in der sogenannten ‘stärksten Liga der Welt’. Andere Verbände wie Polen, oder Schweden kopieren das System, dennoch ist die deutsche Ringer-Bundesliga das große Vorbild. Selbst der damals als Präsident des türkischen Ringer- Verbandes amtierende Hamza Yerlikaya reiste vor einigen Jahren mit einem großen Troß beim Bundesliga-Finale an, ebenso Vertreter des Ringer-Weltverbandes FILA – heute UWW. Durch das einseitige Vorpreschen Deutschen Ringer- Liga, ohne den DRB im Boot zu haben, dürfte die Bundesliga national, aber auch international an Glanz eingebüßt haben.

Fragen nach dem Warum, brennen vielen Vereinsverantwortlichen auf der Haut, denn allein um Geld kann es nicht in erster Linie gehen, denn im Ringen ist noch keiner Millionär geworden. Sportarten wie Handball, Eishockey, oder Basketball, die ihre höchste Liga ausgegliedert haben, dürften mitleidig auf das Geschehen im Ringen blicken, denn dort geht es um ganz andere Summen, vom Fußball darf man dabei gar nicht erst sprechen.

Oder geht es um den Ausländeranteil, bzw. den Kosten für die einzelnen Teams ? Angesichts von gerade einmal 80 Teilnehmern an Deutschen Freistilmeisterschaften- im griechisch-römischen Stil sind es ca 140, dürften Antrittsgeld und Punktprämien für die wenigen, deutsche Spitzenringer auf sehr hohem Level bleiben. Die Preise macht letztendlich der Markt. Am Ende wird jener Deutscher Mannschaftsmeister, der die beste Mischung zusammengeholt hat – eine Mischung aus guten, deutschen Ringern und ausländischen Verstärkungen macht den Meister.

Oder mischt sich der DRB zu sehr in die Belange der Bundesliga ein ? Alteingesessene Funktionäre können sich an viele spannende Episoden bei Bundesligatagungen in Darmstadt Arheilgen erinnern, die sicherlich Bücher füllen könnten. Hand auf’s Herz, Mitspracherecht war gegeben, die Entscheidungsgewalt lag und liegt letztendlich beim DRB. Grund: die meisten, höherklassigen Vereine denken bis zum eigenen Ortsausgangsschild, wenn es geht, dann möglichst alle 14 Tage ein Derby.  Es gab- und gibt auch Staffelsieger in den Landesklassen und 2. Bundesligen, die alle ihre Konkurrenten in Grund und Boden gerungen haben, doch der Sprung, eine Liga nach oben wurde dankend abgelehnt. Lieber noch ein Jahr alles gewinnen- und noch eins. Fast optimal die Idee des ehemaligen Bundesligareferenten Karl Rothmer; wer innerhalb von drei Jahren zweimal Meister wird, muss aufsteigen. Doch kann man sich bei der Verpflichtung von Athleten, insbesondere ausländischer Verstärkungen nicht auch etwas an den gesteckten Zielen orientieren ? Braucht man für einen anvisierten Mittelfeldplatz – oder gar den Klassenerhalt einen Weltklasseringer aus Usbekistan ? Einer der dann auch noch als ‘einer von uns’ angefeuert und gefeiert wird, wenn er einen deutschen Konkurrenten bei Weltmeisterschaften besiegt ?

Auch die Strategie einzelner Verantwortlicher in den Trainerecken ist nur schlecht nachvollziehbar; geht doch in vielen Staffeln das Niveau einzelner Mannschaften recht weit auseinander. Dennoch setzen Trainer von Teams aus dem Spitzenfeld gegen abstiegsbedrohte Mannschaften alle Topringer ein, statt auf Nachwuchsathleten zurück zu greifen, die ohnehin auf der Bank schmoren. Ein 33:2 wird bejubelt wie ein Titelgewinn, zurückgelassen wird ein zermürbter Gegner, der so schnell wie möglich absteigen möchte. Anders im Fußball, wo sich selbst ein Überflieger wie der FC Bayern München gegen den Tabellenletzten Darmstadt 98 ein 1:0 abwürgt und eine Woche später die Hütte gegen RB Leipzig dafür rappelvoll hat. Auch ein 16:12 ist ein Sieg im Ringen, Leben und Leben lassen.

Weitere Fragen, die auch schon gestellt wurden: brauchen wir eine Bundesliga ? Ja, sie ist ein wichtiger Bestandteil unserer Sportart, sie erzielt große Wirkung in der Außendarstellung des Ringkampfsportes.

Brauchen wir eine DRL: Wenn sie unter dem Dach des DRB, nach gemeinsam erarbeiteten Richtlinien arbeitet, kann sie in der Öffentlichkeitsarbeit, aber auch im Marketingbereich durchaus mithelfen, den Ringkampfsport zu fördern.
Das grundsätzlichste Problem im Ringkampf dürfte jedoch das ‘miteinander reden’ sein. Doch wie ist es heute: übereinander, ok – aber miteinander ? Da muss man ja dem Gegenüber in die Augen schauen… Das ist dann anonym im Internet schon bedeutend einfacher dem Anderen Kritiken-, oder gar Beschimpfungen um die Ohren zu schmeißen.
Es ist die Gesprächskultur die wir nicht mehr haben- und die uns fehlt. Miteinander reden hilft Probleme auf direkten Weg, schnell aus der Welt zu schaffen. Das dürfte auch seitens der DRL das größte Problem gewesen sein. Der SWR hilft nicht, auch nicht das Main-Echo, Medien die dem Ringen allerdings sehr gewogen sind. Doch wenn wir sie mit Halbwahrheiten, Vorwürfen, oder Gerüchten füttern, statt direkt miteinander Probleme zu bewältigen, geht es- wie 2016 erlebt, in die falsche Richtung. Dann kann auch kein Ex-Ministerpräsident Kurt Beck mehr helfen.

Viele haben mich nach dem Bericht vom 14.1. aus Aschaffenburg gefragt, ob ich vom DRB gezwungen wurde, von Einigkeit und Gemeinsamkeit zu schreiben. Nein, das war mein Eindruck aus der Tagung, als sich alle Mannschaften und LO’s einig waren, dass man den Raum nur mit einer gemeinsamen Lösung verlassen durfte, zu der man dann letztendlich auch kam. Der DRB-Vorstand hat Zugeständnisse gemacht, will gläserner werden und dabei auch den Vereinen mehr Mitspracherecht einräumen. Die Vereine haben den Ball aufgefangen. Wenn jetzt eine Liga entsteht, mit Verantwortlichen, die personell und finanziell auf dem Teppich-, bzw. der Matte bleiben, dann hat Ringen als Mannschaftssport eine neue Chance.